„Vor 70 Jahren unterzeichneten Deutschland und Italien ein Anwerbeabkommen, das den ersten sogenannten Gastarbeitern die Einreise in die Bundesrepublik ermöglichte.“ Diese Aussage stammt von Edith Pichler, einer Sozialwissenschaftlerin an der Universität Potsdam, die die Erfahrungen italienischer Migranten in Deutschland eingehend analysiert hat. Sie zeigt auf, welche Gründe dazu führten, dass die italienischen Arbeiter letztlich auf ihre Rückkehr verzichteten und welche Herausforderungen damit verbunden sind, sich von gängigen Klischees zu befreien.
Die Ankunft der italienischen Gastarbeiter
rbb|24: Frau Pichler, welche Erwartungen hatten die ersten italienischen Gastarbeiter bei ihrer Ankunft in Deutschland?
Edith Pichler: Zu Beginn verfolgte man in Deutschland ein Rotationssystem, bei dem die Gastarbeiter für einen Zeitraum von zwei Jahren bleiben und anschließend in ihr Heimatland zurückkehren sollten. Die Wirtschaft stellte jedoch schnell fest, dass es wirtschaftlicher war, die Arbeiter dauerhaft zu beschäftigen, anstatt ständig neue Fachkräfte einzuarbeiten. Auch die Gastarbeiter selbst hatten ursprünglich die Absicht, für zwei Jahre nach Deutschland zu gehen, um Geld zu verdienen und dann in ihre Heimat zurückzukehren, um ein Haus oder Land zu erwerben. Dies gestaltete sich jedoch als finanziell schwierig, da viele im Niedriglohnsektor arbeiteten. Folglich entschieden sie sich, dauerhaft in Deutschland zu verbleiben und holten ihre Familien nach.
Obwohl viele einfache Tätigkeiten ausübten, gab es auch einen positiven Aspekt: Die Gewerkschaften setzten durch, dass die italienischen Arbeitnehmer nur zu Tariflöhnen beschäftigt werden durften. Im Vergleich zu gegenwärtigen Einwanderern, die häufig im Dienstleistungssektor tätig sind, waren die italienischen Gastarbeiter meist gewerkschaftlich organisiert.
Integration und gesellschaftliche Herausforderungen
rbb|24: In der Vergangenheit wurden diskriminierende Ausdrücke wie „Spaghettifresser“ verwendet. Wie verlief der Integrationsprozess der italienischen Gastarbeiter in die deutsche Gesellschaft?
Edith Pichler: Der Einstieg gestaltete sich als schwierig. Beide Länder trugen die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg mit sich; man war zunächst Verbündeter, dann Feind. Die Rückkehr als Arbeiter nach Deutschland war eine Herausforderung, und in den 1950er und 1960er Jahren waren italienische Migranten oft Diskriminierung ausgesetzt. Zeitzeugen belegen, dass es häufig Schilder in Gaststätten und Tanzlokalen gab, die den Zugang für Italiener untersagten.
Vorurteile und gesellschaftliche Wahrnehmung
rbb|24: Heute gelten Italiener als „die guten Einwanderer“. Zeigt das eine echte Akzeptanz oder bleibt es lediglich oberflächliche Sympathie?
Edith Pichler: Nach 70 Jahren sind Italiener als Symbol der Integration in der Gesellschaft akzeptiert. Das italienische Erbe wird mittlerweile häufig mit positiven Assoziationen verbunden, die über die Klischees der Vergangenheit hinausgehen. Dennoch bestehen weiterhin stereotype Vorstellungen, da die positive Wahrnehmung oft auf der Esskultur und dem Lebensstil basiert und nicht die vielfältigen Qualifikationen der italienischen Einwanderer berücksichtigt.
Die zweite und dritte Generation der italienischen Migranten erreicht in verschiedenen Berufen Erfolge, sei es als Richter, Journalisten oder Akademiker. Dennoch bestehen nach wie vor Vorurteile, und politisch sind sie kaum repräsentiert: Im Bundestag sind lediglich vier Abgeordnete italienischstämmig.
Rückkehr und kulturelle Einflüsse
rbb|24: Viele Italiener kehren im Alter in ihr Heimatland zurück. Wie gestaltete sich die Rückkehr für diese Menschen, insbesondere im Hinblick auf die deutsche Mentalität?
Edith Pichler: Viele investierten ihre Ersparnisse in Immobilien in Italien, um für eine Rückkehr vorzusorgen. Oft erlebten diese Rückkehrer ein Gefühl der Entfremdung, da sie in Deutschland ein selbstbestimmteres Leben geführt hatten. Eine Frau, die zurückkehrte, berichtete mir: „In Deutschland fühlte ich mich besser, da ich berufstätig war und nicht nur die Rolle der Hausfrau einnahm.“ Die Frauen, die in Italien geblieben waren, standen hingegen vor Herausforderungen, als ihre Männer zurückkehrten, da sie während deren Abwesenheit die Verantwortung für den Haushalt übernommen hatten.
Beziehungen und gesellschaftliche Wahrnehmung
rbb|24: Wie beschrieben die Rückkehrer Deutschland und welchen Einfluss hatte dies auf das Bild der Italiener gegenüber den Deutschen?
Edith Pichler: Der Tourismus förderte viele Kontakte. Rückkehrer berichteten häufig positiv und prahlten mit dem Besitz eines Volkswagen oder Mercedes-Benz, was ihre erfolgreiche Integration symbolisierte. Kulturell waren die Beziehungen sehr gut, sowohl hinsichtlich der Verbreitung deutscher Filme in Italien als auch der Popularität italienischer Filme in Deutschland.
Berufliche Ausrichtung und aktuelle Entwicklungen
rbb|24: Die Nachkommen der damaligen Gastarbeiter sprechen heute fließend Deutsch. Wie hat sich die berufliche Ausrichtung späterer Generationen verändert?
Edith Pichler: Die Berufsfelder haben sich diversifiziert, doch die Gastronomie bleibt ein zentraler Bereich für italienische Einwanderer und deren Nachkommen. Oft übernehmen die Kinder das Restaurant ihrer Eltern weiter, insbesondere wenn es sich um gehobene Gastronomie handelt.
Es gibt Bestrebungen, aus den Stereotypen auszubrechen. Leider wird dies in den Medien häufig nicht wahrgenommen. Der Begriff „Italiener“ wird oft verwendet, obwohl viele Betreiber italienischer Restaurants in Berlin mittlerweile nicht mehr italienisch, sondern englisch sprechen. Diese neue Generation, die sich möglicherweise als digitale Nomaden sieht, arbeitet in den gleichen Branchen wie die erste Generation der Gastarbeiter vor 40 Jahren.
Neueste Trends in der italienischen Einwanderung
rbb|24: Welche Entwicklungen der italienischen Einwanderung haben wir in den letzten Jahren beobachtet, und was unterscheidet sich von früheren Generationen?
Edith Pichler: Es gibt die Legende, dass alle neu zugewanderten Italiener Teil eines „Brain Drain“ sind. Tatsächlich hat jedoch nur ein Drittel der italienischen Zuwanderer einen Hochschulabschluss.
Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit Damiano Valgolio, einem der wenigen italienischstämmigen Abgeordneten im Abgeordnetenhaus von Berlin. Er ist Gewerkschafter und Anwalt für Arbeitsrecht. Er berichtete, dass in den Bereichen, in denen viele neu zugewanderte Italiener tätig sind, wie beispielsweise unter digitalen Nomaden, in letzter Zeit zahlreiche Stellen abgebaut wurden. Die frühere Euphorie über die Attraktivität Berlins hat deutlich nachgelassen.
Bildquelle: Foto: A.Savin / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)