Die Büste der Nofretete, ein Meisterwerk altägyptischer Kunst, ist seit über einem Jahrhundert ein zentraler Punkt in der Debatte um Kulturgüterrückgabe. Entdeckt im Jahr 1912 in Ägypten und kurz darauf nach Berlin gebracht, wird sie heute im Neuen Museum ausgestellt und gilt als einer der größten Schätze der Museumsinsel. Ägypten fordert seit Jahrzehnten die Rückgabe des Kunstwerks, während die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf eine rechtmäßige Erwerbung pocht.
Die Entdeckung und der Transport nach Berlin
Im Jahr 1912 gelang dem deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt in Tell el-Amarna ein sensationeller Fund: die Büste der Königin Nofretete, gefertigt vom Bildhauer Thutmosis vor rund 3.300 Jahren. Dieses Kunstwerk, das durch sein ideales Gesicht, die hohe Krone und die kräftigen Farben besticht, wurde kurz darauf nach Berlin gebracht. Dieser Transport sorgte bereits damals für Irritationen, die bis heute andauern und die Frage nach einer Rückgabe aufwerfen.
Der Streit um die Rechtmäßigkeit
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz argumentiert, dass die Büste 1913 im Rahmen einer von Ägypten genehmigten wissenschaftlichen Ausgrabung und nach dem Prinzip der Fundteilung legal nach Deutschland kam. Die ägyptische Seite und einige Historiker sehen dies anders. Sie werfen den damaligen Akteuren vor, die Bedeutung des Fundes verschleiert zu haben, um das Kunstwerk nach Deutschland zu bringen. Insbesondere wird diskutiert, ob der zuständige französische Kommissar Gustave Lefèbvre über die wahre Bedeutung der Büste im Unklaren gelassen wurde.
Die Perspektive Ägyptens und die Rolle der Kolonialzeit
Ägypten betrachtet die Büste als moralisch unrechtmäßig entzogenes Kulturgut. Das Land befand sich 1912 unter osmanischer Oberhoheit, war aber de facto ein britisches Protektorat, und die Franzosen kontrollierten das antike Erbe. Dies führte zu einer "ungleichen Machtverteilung", die es Ägypten erschwerte, Einfluss auf den Umgang mit seinen Kulturschätzen zu nehmen. Historiker wie Sebastian Conrad weisen darauf hin, dass das Prinzip der Fundteilung zu dieser Zeit in anderen Ländern bereits als überholt galt und nach der Unabhängigkeit Ägyptens 1922 abgeschafft wurde.
Aktuelle Entwicklungen und die Zukunft der Büste
Die Eröffnung des Großen Ägyptischen Museums in Gizeh hat die Debatte um die Rückgabe der Nofretete-Büste neu entfacht. Obwohl keine Beweise für einen direkten Regelbruch bei der Fundteilung vorliegen, bleibt das Gefühl einer ungleichen Machtverteilung bestehen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz betont, dass die damalige Inspektion fair verlief und Fotos der Fundstücke vorlagen. Dennoch wird die Diskussion über die Rückgabe von Kulturgütern, die im Kontext kolonialer Strukturen erworben wurden, weiter an Bedeutung gewinnen.