Wie lange wird der Ersatzverkehr in Berlin-Tegel noch anhalten? Ilka Stahlberg beobachtet besorgt die Situation auf der Scharnweberstraße. Ihr Balkon bietet eine direkte Sicht auf die sechsspurige Straße, die in unmittelbarer Nähe der oberirdischen U6 verläuft. Seit Beginn der Bauarbeiten im November 2022 halten die Ersatzbusse direkt unter ihrem Wohnzimmer. ‚Für uns ist es schlimm‘, äußert sie. ‚Wir haben jetzt praktisch drei Sommer ohne Balkon verbracht.‘
Ursprünglich plante die BVG, die Sanierung der U6 zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel bis zum Frühjahr 2025 abzuschließen. Aktuell geht die Verkehrsgesellschaft jedoch davon aus, dass der Betrieb der Züge erst Ende 2026 wieder aufgenommen werden kann, was eine Verzögerung von beinahe zwei Jahren bedeutet, wie Sprecher Nils Kremmin auf eine Anfrage von rbb|24 mitteilte.
Ursachen für die Verzögerungen
Ilka Stahlberg zeigt sich über die Verzögerungen nicht überrascht: ‚Wir hatten es schon befürchtet, weil wir ja gesehen haben, wie die Bauarbeiten hier vorangehen.‘ Die BVG führt die verlängerte Bauzeit auf verschiedene Aspekte zurück, darunter Einsprüche im Vergabeverfahren, neue gesetzliche Vorgaben sowie längere Lieferzeiten für Materialien.
Zusätzlich wurden während der Bauarbeiten an den alten Betonbauwerken neue Schäden entdeckt, die weitere Sanierungen erforderlich machen, wie auf der Website der BVG zu lesen ist.
Erwartungen und Herausforderungen
Hinsichtlich dieser Situation stellt sich die Frage, ob die Verzögerungen vollständig unvorhersehbar waren. Helmut Schmeitzner, Leiter der Fachrichtung Bauwesen an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, äußert, dass Bauen im Bestand komplizierter ist als Neubauten. Oft ist der genaue Zustand von bestehenden Strukturen nicht erkennbar, was zu unvorhergesehenen Herausforderungen führen kann. ‚Das kann man vorher nicht alles im Einzelnen erkennen‘, erklärt er.
Insbesondere für Bauwerke, die älter als 100 Jahre sind, gibt es erhebliches Überraschungspotenzial. Die Planunterlagen für viele dieser Bauten existieren erst seit den 1960er Jahren weitgehend lückenlos, wodurch die Einschätzung ihres Zustands erschwert wird.
Die Zukunft der U-Bahn
In Berlin eröffnete die erste U-Bahn im Jahr 1902, und der Bahnhof Nollendorfplatz wird ab dem 12. Januar für umfangreiche Sanierungsarbeiten gesperrt. Für die Linien U1 und U3 wird ein Ersatzverkehr eingerichtet, während die U4 komplett eingestellt wird. Die BVG plant, diese Bauarbeiten bis zum 10. Mai abzuschließen, jedoch bleibt abzuwarten, ob dieser Zeitrahmen eingehalten werden kann.
Markus Falkner, der BVG-Chef, äußerte Ende November, dass die Wahrscheinlichkeit für unerwartete Komplikationen bei der Sanierung bei 90 Prozent liege. Im Gegensatz dazu zeigt sich die Projektleiterin Heike Puslat optimistisch, dass keine größeren Havarien auftreten werden, da vorab Beprobungen vorgenommen wurden.
Christian Linow, Sprecher des Fahrgastverbands IGEB, betont die Notwendigkeit der Infrastruktur-Instandhaltung, fordert jedoch die BVG dazu auf, Fristen einzuhalten. ‚Wenn vier Monate Bauzeit angekündigt sind, dann müssen diese bitte eingehalten werden.‘
Ilka Stahlberg, die Anwohnerin, hofft ebenfalls auf mehr Verlässlichkeit von der BVG. Sie bemerkt, dass trotz der erheblichen Unannehmlichkeiten, die mit der U-Bahn-Sperrung verbunden sind, niemals Entschuldigungen seitens der BVG ausgesprochen wurden. Ihre Skepsis hinsichtlich der Einhaltung des Versprechens, dass die U6 nach Ende 2026 wieder in Betrieb genommen wird, ist groß, da Verspätungen bei großen Bauprojekten in Berlin kein Einzelfall sind.
Bildquelle: Leonhard Lenz via Wikimedia Commons (CC0)