Aktuell protestieren vor allem junge Menschen in Deutschland gegen das neue Wehrdienst-Gesetz der Bundesrepublik. Ein Demonstrant aus Hannover äußerte sich gegenüber dem NDR: „Ich sehe es nicht ein, für irgendwelche Kapitalisten in den Krieg zu ziehen als Kanonenfutter.“ Diese Thematik wird auch in Sibylle Bergs neuem Theaterstück „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe“ aufgegriffen, das derzeit am Berliner Ensemble aufgeführt wird. Die Dystopie der Schweizer Autorin vermittelt ein Gefühl von gegenwärtiger Relevanz.
Einblick in die Dystopie
Im Mittelpunkt des Stücks steht der Monolog eines queeren Ingenieurs aus der Boomer-Generation, der sich selbst ironisch als „alter weißer Mann“ bezeichnet. Ehemals in der Rüstungsindustrie tätig, hat er an der Entwicklung autonomen Waffensystems gearbeitet. Jetzt sitzt er isoliert in einem Keller und sieht sich gezwungen, mit der Realität eines Krieges, der über Europa hinwegfegt, umzugehen, während die Bomben über ihm fallen.
Kulturelle Reflexion und politischer Kommentar
Den Konflikt thematisiert der Ingenieur in seiner Ansprache an ein totes oder ungeborenes Kind, möglicherweise ein Selbstgespräch. Er berichtet von einem anscheinend lächerlichen Krieg zwischen Luxemburg und Liechtenstein, der jedoch unweigerlich viele Menschenleben fordert. Der Ingenieur, einst ein „Waffennarr“, begibt sich in Fahnenflucht und versteckt sich vor der Realität des Sterbens.
Sibylle Berg behandelt das düstere Thema mit bitterbösem Humor, was zur Identifikation mit der Hauptfigur beiträgt. Die Inszenierung unter der Regie von Dennis Nolden nutzt Pointen, um die kritischen Aussagen des Textes zu verstärken, während der Schauspieler Gabriel Schneider die vielschichtige Rolle überzeugend verkörpert.
Werte im Kontext des Krieges
Die Bühne, gestaltet von Janina Kuhlmann, symbolisiert ein verfallenes Museum, in dem der Ingenieur die westlichen Werte hinterfragt. In seinem Monolog erörtert er Glauben, Liebe, Freiheit und andere zentrale Begriffe und gewichtet deren Bedeutung in einer kriegsgebeutelten Welt.
Bergs Werk lässt sich als Antikriegsstück lesen und bietet einen politischen Kommentar zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Themen. Es wird jedoch nicht pathetisch auf moralische Werte hingewiesen, sondern es wird ein Schmerz über die Vereinsamung und den Verlust des Sinns im Leben und Krieg vermittelt. Die zentrale Frage bleibt, wofür es sich zu leben oder gar zu sterben lohnt.
Das Stück beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Konsequenz des individuellen Lebens, was am Ende des Monologs in der Frage kulminiert: „Wir wollen doch nur nicht sterben, ist das denn zu viel verlangt?“ Diese Thematik bleibt während der gesamten Inszenierung präsent und regt zum Nachdenken an.
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