In der fünften Klasse der Evangelischen Ursula-Wölfel-Grundschule in Teltow hat Klassenlehrerin Sarah Jung einen Schuhkarton mitgebracht. Auf die Frage, wer den Inhalt ertasten und beschreiben möchte, melden sich viele Schüler. Doch Jung entscheidet sich bewusst dafür, einem zurückhaltenden Mädchen aus der ersten Reihe den Karton zu geben. Das Kind beschreibt den Gegenstand als „länglich mit einem Deckel und Rillen“.
Die Vergabe von Sekundarschulplätzen in Berlin wird durch eine neue Regelung beeinflusst, die die mündliche Note stärker gewichtet. Während die schriftliche Leistung künftig nur noch 20 Prozent zur Zeugnisnote beiträgt, waren es zuvor bis zu 40 Prozent in den Klassen 3 und 4. Für die Jahrgangsstufen 7 bis 10 reduziert sich dieser Anteil sogar auf 25 Prozent im Vergleich zu maximal 50 Prozent zuvor. Diese Änderung hat zur Folge, dass beispielsweise eine introvertierte Schülerin trotz starker schriftlicher Leistungen im Zeugnis nicht besser als mit einer Note 3 bewertet werden kann.
Eltern äußern Bedenken
Einige Eltern, wie André Tangermann, der eine Online-Petition zu diesem Thema gestartet hat, empfinden die Neuerungen als ungerecht. Seine Tochter geht ebenfalls zur Grundschule in Teltow und zeige viel Kreativität, sei aber zurückhaltend. „Ruhige, introvertierte Kinder“ müssten sich nun schwerer beweisen, weil der Anteil an Klassenarbeiten auf 20 Prozent gesenkt wurde.
Tangermann argumentiert, dass introvertierte Schülerinnen und Schüler in der Gesellschaft ohnehin benachteiligt sind. Er setzt sich dafür ein, mindestens 20.000 Unterschriften für seine Petition zu sammeln.
Lehrkräfte unter Druck
Schulleiter Matthias Röhm unterstützt Tangermanns Initiative und betont, dass der Wegfall der zweiten Klassenarbeit eine weitere Gelegenheit zur Leistungsdarstellung verringere. Auch er hat Bedenken, dass stille Kinder in diesem neuen System benachteiligt werden und sieht die Notwendigkeit, kreative Lösungen zu finden, um die mündliche Mitarbeit dieser Schüler zu fördern.
Die Schule, an der 23 Lehrkräfte rund 270 Schülerinnen und Schüler unterrichten, hat zwar etwas mehr Spielraum in der Umsetzung der neuen Vorschriften, jedoch bleibt die Finanzierung gleich. Röhm befürchtet, dass die Neuerung zusätzliche Arbeitsbelastungen für die Lehrkräfte schafft, während gleichzeitig die Bildungschancen für ruhige Schüler gefährdet werden.
Offizielle Stellungnahmen
Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) hat die Kritik der Lehrkräfte zur Kenntnis genommen, bleibt jedoch von dem neuen Bewertungsansatz überzeugt. Er argumentiert, dass die Reduzierung der Prüfungen die Belastungen für sowohl Schüler als auch Lehrer verringern werde. Insbesondere hebt er hervor, dass Lehrkräfte in der Lage sind, auf die Bedürfnisse von stillen Schülerinnen und Schülern angemessen einzugehen.
Im Unterricht von Sarah Jung hat sich das zuvor beschriebene Objekt als Klebestift herausgestellt. Die Lehrerin stattdessen fragt die Klasse, was sie jetzt sehen können, was sie zuvor nicht ertasten konnten. Solche Fragen sind wichtig, um alle Schüler in die mündliche Bewertung einzubeziehen und pedagogische Ansätze zu finden, um die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler zu berücksichtigen.
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