„Manchmal können Worte ganz wunderbar verschleiern, was tatsächlich passiert.“ Dieser Gedanke beschreibt treffend die Architekturgeschichte Berlins in den 1960er- und 70er-Jahren, als zahlreiche Altbauten in West-Berlin abgerissen wurden und Platz für deutlich größere Neubauten machten. Ein zentraler Aspekt dieser Transformation war die Entstehung von Satellitenstädten, wie dem Märkischen Viertel, die sowohl auf Zustimmung als auch auf starke Kritik stießen.
Flächensanierung und ihre Folgen
Der Begriff „Flächensanierung“ erweckt den Eindruck von einer gründlichen Aufwertung, während in der Realität viele historische Gebäude einfach abgerissen wurden. Dieser Prozess, der später als „Kahlschlagsanierung“ bezeichnet wurde, stellte eine drastische Veränderung ganzer Stadtviertel dar. Der Berliner Senat äußerte damals optimistisch, dass die geänderten Strukturen die Gegend nicht wiedererkennbar machen würden, da die neuen Bauten den alten überlegen seien.
Das Beispiel Kreuzberg
In Kreuzberg etwa musste der historische Bestand am Wassertorplatz einem bis zu 17 Stockwerke hohen Plattenbau mit 1.300 Wohnungen weichen, der aufgrund seiner grauen Fassade als „Graue Laus“ bekannt wurde. Britta Schoening, eine Anwohnerin, äußerte ihre gemischten Gefühle über die äußere Erscheinung, lobte jedoch die Helligkeit und den Schnitt ihrer Wohnung im 12. Stock.
Kontroversen um Düttmanns Projekte
Der Architekt Werner Düttmann, der zwischen 1960 und 1966 als Senatsbaudirektor fungierte und an zahlreichen Flächensanierungen beteiligt war, erlebte gemischte Reaktionen auf seine Arbeiten. Projekte wie das Neue Kreuzberger Zentrum und das Märkische Viertel sorgten für kontroverse Diskussionen und entzweiten die Berliner Bevölkerung. Düttmann strebte an, eine städtebauliche Gestaltung zu entwickeln, die die Anonymität des Massenwohnungsbaus überwinden sollte.
Das Märkische Viertel als Paradebeispiel
Das Märkische Viertel, das ursprünglich 14.000 Wohnungen umfassen sollte, wurde später auf 17.000 aufgestockt. Gemeinsam mit Hans Christian Müller und Georg Heinrichs arbeitete Düttmann an diesem umfassenden Projekt, welches nicht nur Wohnraum, sondern auch Lebensqualität durch Grünflächen, Bildungseinrichtungen und Freizeitmöglichkeiten bieten sollte. Professor Matthias Noell von der Universität der Künste betonte, dass diese Planung in jener Zeit keineswegs selbstverständlich war.
Architekturempfinden der Bewohner
Die Vielzahl der in das Projekt involvierten Architekten, einschließlich Herbert Stranz, der 600 Wohnungen entwarf, hatte unterschiedliche Ansätze zur Gestaltung. Bewohner äußerten jedoch oft starke negative Empfindungen gegenüber der Architektur und beschrieben sie als „brutal“ oder „kriminell“. Kritische Stimmen dokumentierten, dass grundlegende Einrichtungen wie Kitas und Schulen lange nicht realisiert wurden, was zu einem schlechten Ruf führte.
Kritik und Anpassungen
Düttmann nahm die heftige Kritik am Märkischen Viertel ernst und erkannte die sichtbaren Mängel an, was zu Anpassungen führte. Architekturprofessor Noell beschreibt ihn als einen Gestalter, der stets versuchte, menschlich angemessenen Raum zu schaffen, auch wenn er dabei teilweise scheiterte. Düttmann unterstützte unter anderem die Aktion „Rettet den Stuck“, die den Erhalt historischer Fassaden anstreben wollte, und engagierte sich später auch für die behutsame Renovierung von Altbauten im Rahmen der Stadterneuerung.
Bildquelle: Olaf Tausch via Wikimedia Commons (CC BY 3.0)