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Jetzt: Wie eine Mutter aus Einsamkeit eine App ins Leben rief

App-Gründerin thematisiert Mütter-Einsamkeit „Diese Form von Einsamkeit ist anders, leise und schwer zu greifen“ Audio: rbb24 | 27.12.2025 | Lisa Schwesig im Gespräch mit Julia…

Jetzt: Wie eine Mutter aus Einsamkeit eine App ins Leben rief

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App-Gründerin thematisiert Mütter-Einsamkeit

„Diese Form von Einsamkeit ist anders, leise und schwer zu greifen“

Nach der Geburt eines Kindes erleben viele Frauen häufig Einsamkeit. Die gewohnte Routine wird durch unvorhergesehene Anforderungen ersetzt, und soziale Kontakte verringern sich. Auch Julia Laßmann Vater fühlte während ihrer Elternzeit Einsamkeit. Sie entschloss sich, aktiv gegen dieses Gefühl vorzugehen und suchte den Anschluss. Daraus entwickelte sich eine Geschäftsidee: Gemeinsam mit einer Freundin gründete sie eine Plattform, die Schwangere und Mütter miteinander verbindet.

rbb|24: Die Geburt eines Kindes verändert für viele Eltern alles: Beruf, Hobbys, Freundschaften oder Tagesabläufe. Ist das gängige Bild von Elternschaft überholt?

Julia Laßmann Vater: Ich glaube, dass unser Bild von Elternschaft unvollständig ist. Wir wachsen mit idealisierten Vorstellungen von zufriedenen Familien auf, die alles mühelos bewältigen. Dann kommt die Realität: Ein Baby verändert das Leben grundlegend – emotional, körperlich und mental. Routinen, Hobbys und manchmal sogar Freundschaften gehen verloren, da das Leben einen neuen Rhythmus annimmt. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich selbst verliert, sondern vielmehr, dass man eine neue Version von sich selbst entdeckt, die Zeit, Unterstützung und ehrliche Erzählungen anderer benötigt.

rbb|24: Die Vorstellung von der glücklichen Familie und der strahlenden Mutter dominiert in den Köpfen der Gesellschaft und in sozialen Medien. Warum wird über die negativen Aspekte, insbesondere Einsamkeit, so wenig gesprochen?

Laßmann Vater: Zum einen herrscht Scham, etwas nicht zu schaffen. Das kennen wir alle, unabhängig von Beruf oder Privatleben. Das Gefühl, versagt zu haben, ist sehr belastend. Unabhängig davon, ob man im Job scheitert oder in der Schule eine schlechte Note erhält, möchte man nicht als unfähig gelten. Daher bleibt dies oft im Verborgenen. Zudem verkauft sich ein Bild einer glücklichen Familie besser als das einer Mutter, die mit Depressionen kämpft.

rbb|24: Ist das bei der Rolle der Mutter, die als „biologisch“ festgelegt angesehen wird, besonders ausgeprägt?

Laßmann Vater: Ja! Tatsächlich leisten die meisten Mütter alles richtig. Wenn jedoch der Eindruck vermittelt wird, dass man alles perfekt im Griff hat, erzeugt das zusätzlichen Druck. Dabei meistern viele Mütter ihren Alltag großartig und ziehen ihre Kinder ohne Probleme groß.

rbb|24: Die ersten Jahre mit einem Kind sind oft sehr herausfordernd und anstrengend. Hört man den Ausdruck: „Die Tage sind lang, aber die Jahre kurz“. Ist der hilfreich oder doch nur eine Floskel?

Laßmann Vater: Ich kenne diesen Satz gut und er klingt zwar schön, aber in den Nächten, in denen man übermüdet um drei Uhr morgens ein Baby herumträgt, ist diese Aussage nicht hilfreich. In solchen Momenten sind die Tage lang und manchmal sehr einsam. Was man braucht, sind echte Unterstützungsangebote.

rbb|24: Ihre eigene Elternzeit war eine prägende Zeit für Sie. Wie haben Sie diese erlebt?

Laßmann Vater: In meiner Elternzeit erlebte ich etwas, das ich zuvor nicht kannte: ein permanentes „On-Sein“. Von außen betrachtet sieht Elternzeit wie eine Pause aus, aber innerlich läuft jederzeit ein 24-7-Betrieb. Man denkt ununterbrochen an die Bedürfnisse eines anderen Menschen, selbst nachts um drei. Gleichzeitig habe ich ein starkes Gefühl der Sinnhaftigkeit verspürt. Dieses kleine Wesen ist vollkommen auf mich angewiesen, was einerseits wunderschön, andererseits aber auch eine immense Verantwortung mit sich bringt. Diese Mischung aus Freude, Bedeutung und ständiger mentaler Bereitschaft hat mich stark geprägt.

rbb|24: Haben Sie sich einsam gefühlt?

Laßmann Vater: Ja, und es ist wichtig, das offen zuzugeben. Es gab zahlreiche Momente, in denen ich mich emotional isoliert fühlte, obwohl ich ein Baby im Arm hielt und Unterstützung von Partner, Familie und Freunden hatte. Diese Art von Einsamkeit ist anders; sie ist leise, schwer greifbar und oft begleitet von dem Gefühl, dass man sich so gar nicht fühlen sollte.

rbb|24: Wenn man sich nicht so fühlen sollte, und dennoch in Gesellschaft ist, woher kommt dann das Gefühl der Einsamkeit?

Laßmann Vater: Weil körperliche Nähe nicht zwangsläufig emotionale Nähe bedeutet. Ein Baby erfüllt viele Bedürfnisse, bietet jedoch keine Rückmeldungen. Gleichzeitig verliert man viele der früheren Beziehungen und Routinen, die früher Halt gaben: Gespräche im Büro, spontane Treffen und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Hinzu kommt der gesellschaftliche Druck, glücklich, dankbar und erfüllt sein zu müssen. Diese Vorstellung erschwert es, über Überforderung und Zweifel zu sprechen, was letztlich die Einsamkeit verstärkt.

rbb|24: Sie haben gemeinsam mit einer Freundin eine App entwickelt, um aus Ihrem eigenen Gefühl der Einsamkeit herauszukommen. Wie gestaltete sich dieser Prozess?

Laßmann Vater: Ich dachte mir irgendwann: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Daher postete ich auf meinem Facebook-Profil, dass Mütter sich bei mir auf der Dachterrasse treffen können. Plötzlich standen tatsächlich 30 Frauen mit ihren Babys vor meiner Tür. Ich erkannte, dass ich nicht allein bin und dass wir alle ähnliche Herausforderungen haben. Diese Initiative führte dazu, dass Charlotte [von Gablenz, Co-Gründerin der App] auf mich aufmerksam wurde und die Idee vorbrachte, eine Plattform zu schaffen, die Mütter und Schwangere auf moderne Art vernetzt. Dadurch entstand die Vision, eine App zu entwickeln, die unkomplizierten Austausch, Gleichwertigkeit und Unterstützung auf der aufregenden Reise ins Muttersein bietet. So begann die Entwicklung von „Momunity“.

rbb|24: Die App funktioniert über das Smartphone. Dies vermittelt Nähe zu anderen, kann jedoch auch Distanz schaffen. Warum ist die App Ihrer Meinung nach dennoch erfolgreich?

Laßmann Vater: Weil sie in der aktuellen Lebenssituation unterstützt. Wenn man beispielsweise eine Freundin sucht, kann man in der App gezielt jemand in der Nähe finden. Aber auch für diejenigen, die nur ruhig mitlesen möchten, gibt es viel zu entdecken. Wir bieten zahlreiche Fragen, Antworten, einen Newsfeed sowie verschiedene Gruppen. Man kann spezifische Informationen suchen oder einfach nur lesen. Die Nutzerinnen sind authentische Mütter, nicht künstliche Intelligenzen. Hier werden echte Meinungen, Gefühle und Erfahrungen aus dem Alltag geteilt, was enorm hilfreich ist.

rbb|24: Wie können Mütter generell besser unterstützt werden? Ist es mehr Sichtbarkeit, mehr Austausch oder gibt es noch andere Ansätze?

Laßmann Vater: Es bedarf dreier Faktoren: Sichtbarkeit, Räume und Entlastung. Sichtbarkeit bedeutet, dass wir öffentlich über Einsamkeit im Wochenbett, über psychische Belastungen und den Druck, alles alleine zu bewältigen, sprechen. Je normaler das wird, desto weniger müssen sich Mütter dafür schämen. Räume beziehen sich darauf, Online- und Offline-Orte zu schaffen, an denen Mütter sich wirklich treffen können. Authentische Gespräche wie „Wie geht es dir wirklich?“ können einen erheblichen Unterschied machen. Entlastung umfasst politische und strukturelle Lösungen: qualitativ hochwertige Betreuung, flexible Arbeitsmodelle und tatsächliche Unterstützungssysteme. Einsamkeit entsteht dort, wo Menschen alles allein tragen müssen.

Im Gespräch mit Lisa Schwesig wurde Julia Laßmann Vater interviewt.

Sendung: rbb24, 27.12.2025, 14:56 Uhr

Bildquelle: Helena Lopes auf Pexels

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