Analyse
Berlin und Brandenburg
- Die Anzahl der Versicherten pro Rentner verringert sich kontinuierlich
- Ein durchschnittlicher Rentner bezieht aktuell etwa 20 Jahre Rente
- Von 2020 bis 2024 stieg die Inflation schneller als die Renten
- Ältere Einwohner im Osten sind stärker von der gesetzlichen Rente abhängig als im Westen
- Fünf Prozent der Rentner in Berlin und Brandenburg sind weiterhin erwerbstätig
„Die Rente ist sicher.“ Mit diesen Worten verteidigte Norbert Blüm vor nahezu drei Jahrzehnten seine Reformen im Rentensystem. Bis heute wird debattiert, wie lange dieser Satz noch Gültigkeit besitzt. Erst kürzlich stand die Bundesregierung unter der Leitung von Friedrich Merz (CDU) vor der Herausforderung, eine Lösung für die Sicherung des Rentenniveaus bis 2031 zu finden.
Jede Anpassung der Renten und Reformen betrifft Millionen Menschen und wird leidenschaftlich diskutiert. Fragen wie „Wer profitiert?“ und „Wer trägt die Kosten?“ stehen im Vordergrund. rbb|24 hat umfassende Daten zu den Rentenzahlungen sowie zu Rentnern in Berlin und Brandenburg analysiert. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass das System unter erheblichem Druck steht.
Sinkender Versichertenanteil pro Rentner
Im Zentrum der Kritik steht das Konzept der Generationengerechtigkeit. Das deutsche Rentensystem basiert auf dem Umlageverfahren: Aktive Beitragszahler finanzieren den Ruhestand der Rentner. Je mehr die Jüngeren verdienen, desto mehr Beiträge leisten sie in die Rentenkasse, was zukünftige Ansprüche steigert. Aktuell zeigt sich jedoch eine besorgniserregende Instabilität des Systems.
Das wesentliche Problem besteht darin, dass die Zahl der Rentner seit Jahren schneller ansteigt als die der Versicherten, also der aktiven Arbeitnehmer. 1992 waren in Brandenburg 3,3 Versicherte pro Rentner verzeichnet, 2023 sank dieser Wert auf 1,7. In Berlin war die Entwicklung weniger stark ausgeprägt – hier reduzierten sich die Zahlen von 3 auf 2,7 Versicherte pro Rentner. In den kommenden Jahren werden Millionen von Angehörigen der Babyboomer-Generation in den Ruhestand treten. Zudem war die durchschnittliche Rentenbezugsdauer 1955 noch etwa zehn Jahre, während sie heute bei über 20 Jahren liegt. Dies erzeugt zusätzlichen Druck auf das System und könnte die zukünftigen Rentenbelastungen erhöhen.
Geringe Anzahl an Menschen erreicht das offizielle Rentenniveau
Im Fokus der Rentendebatte stand in diesem Herbst eine entscheidende Zahl: 48 Prozent. Diese Kennzahl beschreibt das derzeitige Rentenniveau, ermittelt nach einer komplexen Berechnungsmethode. Es zeigt das Verhältnis zwischen der Rentenhöhe und dem Bruttogehalt, jeweils nach Abzug der Sozialabgaben und vor Steuern. Grundlage ist die sogenannte Standardrente, die eine Rentnerin erhält, die 45 Jahre lang gearbeitet und ein Einkommen im bundesdeutschen Durchschnitt vorweisen kann.
„Nach einem langen Arbeitsleben erhält man eine verfügbare gesetzliche Standardrente von lediglich 48 Prozent des verfügbaren Standard-Lebenseinkommens. Dies ist im internationalen Vergleich betrachtet sehr wenig,“ erläutert Camille Logeay. Die Mehrheit der Menschen erreicht nicht einmal diese Standardrente, so die Expertin: „Entweder aufgrund von Lücken in ihrer Erwerbsbiografie oder weil sie ein niedriges Einkommen erzielt haben.“
Erwerbstätigkeit im Rentenalter
Ob aus finanzieller Notwendigkeit oder aus Eigeninteresse: Immer mehr Personen im Rentenalter sind erwerbstätig. Die Bundesregierung plant eine Förderung dieser „Aktivrente“. In Berlin und Brandenburg sind bereits fünf Prozent der über 65-Jährigen erwerbstätig, wobei zwei Drittel dieser Gruppe einen „Minijob“ ausüben.
Rentenexpertin Logeay sieht die Steigerung der Beschäftigungsquote in dieser Altersgruppe nicht als problematisch an, solange dies nicht unter Zwang geschieht. Es muss jedoch zwischen Rentnern mit höherem Einkommen, die aus Freude an der Arbeit tätig sind, und jenen, die aus finanzieller Notwendigkeit arbeiten müssen, differenziert werden. „Es gibt auch Rentner, deren Rente nicht ausreicht und die nicht mehr arbeiten können,“ so Logeay. Für diese Personengruppe ist die Situation äußerst gravierend.
Ist das Rentensystem also stabil oder nicht? „Das System ist grundsätzlich tragfähig und zukunftsorientiert – benötigt jedoch Reformen,“ so fasst Rentenexpertin Logeay zusammen. Die Rentenkommission, der sie seit kurzem angehört, wird Aufgaben vorschlagen. „Die Politik steht in der Verantwortung, das System tatsächlich zukunftssicher zu reformieren.“ Reformen der ersten, zweiten oder dritten Säule des Rentensystems – oder aller drei – werden unerlässlich sein, betont die Expertin: „Es ist wichtig, ehrlich zu sein: Eine ansprechende Rente, unabhängig von der Säule, wird nicht kostenfrei zu haben sein.“
Die Diskussion über die Verteilung dieser Kosten hat bereits begonnen. Ein Thema könnte die mögliche Erhöhung des Renteneintrittsalters auf bis zu 70 Jahre sein. Zudem wird gefordert, das Renteneintrittsalter an die Anzahl an Beitragsjahren zu koppeln. Auch über eine Sonderabgabe für die Generation der Babyboomer wird diskutiert, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen wird. Nach der aktuellen Rentendebatte folgt bereits die nächste: Eines ist bei der Rente sicher: Sie bleibt ein politisches Streitobjekt.
Sendung: rbb|24, 22.12.2025, 06:09 Uhr
Bildquelle: Foto von Oliver Hale auf Unsplash