Die Bundesregierung plant, die Regelungen für Krankmeldungen zu verschärfen, was auf erhebliche Kritik stößt. Künftig soll eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag erforderlich sein, während die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden soll. Das erklärte Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Fehlzeiten zu reduzieren und möglichen Missbrauch zu verhindern. Die Frage, ob dieser Missbrauch tatsächlich ein signifikantes Problem darstellt, bleibt jedoch umstritten.
Deutschland im europäischen Vergleich
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegt Deutschland bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten im Mittelfeld. Laut Daten der OECD hat die Bundesrepublik durchschnittlich 3,6 Krankheitswochen pro Jahr. Im Gegensatz dazu verzeichnen einige Länder deutlich höhere Werte:
- Norwegen – 5,9 Wochen
- Finnland – 5,0 Wochen
- Spanien – 4,9 Wochen
- Slowenien – 4,7 Wochen
- Portugal – 4,1 Wochen
Die niedrigsten Werte finden sich in Bulgarien mit 0,4 Wochen, Griechenland mit 0,2 Wochen und Rumänien mit 0,1 Wochen. In dieser Statistik sind nur die Krankmeldungen erfasst, die auch den Krankenkassen gemeldet wurden. Der europäische Durchschnitt liegt bei 2,6 Krankheitswochen, was bedeutet, dass Deutschland diesen Wert deutlich übersteigt. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass in einigen EU-Ländern die elektronische Erfassung von Krankmeldungen weniger zuverlässig ist als in Deutschland, wo seit 2022 die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen umfassend elektronisch erfasst werden.
Expertenmeinungen zur Reform
„Der Verdacht auf Missbrauch ist ziemlich abwegig“, sagte Birgit Becker, Wirtschaftsredakteurin beim Deutschlandfunk. Sie betonte, dass der Anstieg des Krankenstandes in Deutschland auf statistische Effekte zurückzuführen sei und nicht auf eine erhöhte Neigung zum Kranksein. Zudem zeige die Auswertung der Krankenkassen, dass ein erheblicher Teil der Fehlzeiten auf Langzeiterkrankungen zurückgehe, die zwar nur rund drei Prozent der Fälle ausmachten, jedoch etwa 40 Prozent der Ausfalltage verursachten.
Häufigste Gründe für Krankmeldungen
Eine Studie der AOK aus dem vergangenen Jahr ergab, dass die meisten Krankschreibungen in Deutschland auf Atemwegserkrankungen zurückzuführen sind. Zudem ist ein kontinuierlicher Anstieg der psychisch bedingten Krankmeldungsfälle zu verzeichnen, gefolgt von Muskel-Skelett-Problemen.
Ausblick auf die Reformpläne
Die Koalition hat sich auf diese Reformpläne geeinigt, und Lars Klingbeil hat sich für eine „vernünftige“ Gestaltung der neuen Krankschreibungsregel ausgesprochen.
Quellen: deutschlandfunk, Handelsblatt, Welt
Bildquelle: KI generiert